AUTOR: Pedro Kraft

Unweit meines Wohnortes am Rande des Westerwaldes liegt das Kannenbäckerland – das wusste ich schon lange. Denn jedem, der aus dem Norden über die A48 in Richtung Koblenz fährt, zeigt sich ein entsprechendes Hinweischild, und wer die Autobahn nach Höhr-Grenzhausen verlässt, bemerkt die vielen großen und bunten Krüge an den Straßenrändern.
Dass sich hier aber auch das Herz deutscher Tonpfeifen-Herstellung befindet, war mir (als Nichtraucher) neu.

Jens Steuler, Pfeifenbäcker aus Hilgert, ist in der Lokalpolitik aktiv und durch Zufall bin ich auf ein Interview mit ihm auf YouTube gestoßen. Seine Ansichten, Wünsche und Ziele als Kommunalpolitiker, Lehrer, Sporttrainer und Pfeifenbäcker waren mir so sympathisch, dass ich den Wunsch hatte, ihn zu besuchen. Besonders hat mich aber die Werkstatt interessiert, in der er, gemeinsam mit seinem Freund Davide Valentino, das Handwerk seines Ur-Ur-Ur-Opas mit großer Hingabe weiterführt.

Bis ins Jahr 1857 reichen die Aufzeichnungen in der Familienchronik von Jens zurück. Die Tradition der Tonpfeifenherstellung, welche die Produktion von Tonkrügen in Hilgert weitgehend abgelöst hat, ist jedoch noch viel älter; bereits seit über 300 Jahren wird in dem Ort das „weiße Gold” zu Pfeifen verarbeitet, mutmaßlich ebenfalls von seinen Vorfahren. Um das Jahr 1800 herum gab es rund 25 Pfeifenbäcker im überwiegend protestantischen Hilgert, die ihre Tonpfeifen zunächst in reiner Handarbeit, später dann mithilfe von Formen aus Gusseisen oder Messing in ihren Familienbetrieben angefertigt haben. Neben der Landwirtschaft war dies lange Zeit die Haupteinnahmequelle im Ort.

Bei der Führung durch die erstaunlich kleine und gemütliche Werkstatt, in der an diesem Dezembertag ein Holzofen für wohlige Wärme sorgt, bestaune ich zuerst kunstvoll verzierte Pfeifen. Ich erfahre, wie die Pfeife aus Nordamerika nach England kam, ihren Weg weiter bis nach Holland fand und sich später, während des Dreißigjährigen Krieges, in Mitteleuropa verbreitete.
Wir rätseln darüber, was man wohl alles in diese Pfeifen gesteckt hat. Denn echter Tabak war schon immer teuer, aber dafür kannte man sich mit Kräutern aus, die man in den verschiedensten Mischungen geraucht hat. Oftmals im Glauben daran, es wäre der Gesundheit zuträglich. Wir reden also darüber, was dem Köper schadet und was nicht – und was unserer Seele gut tut. Das gemeinsame Rauchen einer Friedenspfeife (die Jens und Davide als ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Spaltung entworfen haben) kann die Raucher unter uns Menschen (wieder-)verbinden, und womöglich erfahren wir durch solch ein Ritual dann doch ein gewisses Maß an Heilung.

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