AUTORIN: Anke Rudolph

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne… Diese Zeilen von Hermann Hesse gehen mir immer durch den Kopf, wenn ich unseren Glucken die Bruteier ins Nest lege. Ich begleite jedes Jahr zwei Naturbruten, im letzten Jahr waren es vier. Wie und was ich mache, das beschreibe ich in diesem Artikel.

Vorab gibt es aus meiner Sicht etwas sehr Wichtiges zu bedenken. Mit einer Brut schaffen wir Leben, dafür tragen wir Verantwortung. Jede Brut bringt etwa zur Hälfte Hähne und Hennen hervor. Hähne können wir in großer Anzahl nicht halten. Mit ca. 6 Monaten werden Hähne geschlechtsreif und beginnen um die Gunst der Damen zu buhlen. Dabei kann es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Hähnen kommen, aber auch übergriffiges Verhalten gegenüber älteren oder sanftmütigen Hennen kommt vor. Spätestens wenn blutige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung stehen oder ältere Damen nicht mehr den Stall verlassen, weil sie von jungen Kerlen vergewaltigt werden, ist der Spaß vorbei.

Wir versuchen jedes Jahr die jungen Hähne in liebevolle Privathaltungen zu vermitteln, was sehr schwer ist, da sie nicht nur bei uns in der Überzahl sind. Andernfalls bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu schlachten. Und genau das muss man bedenken, wenn man sich auf das „Abenteuer Naturbrut” einlässt. Kauft man sich Hennen vom Rassegeflügelzüchter oder aus industrieller „Produktion”, dann übernimmt das Schlachten ein anderer. In der Industrie werden die männlichen Küken der Legelinien in der Regel bereits am ersten Lebenstag getötet.
Trotz alldem ist eine Naturbrut der Höhepunkt im Hühnerjahr.

Wie erkenne ich, wenn ein Huhn Mutti werden möchte?
Anfangs sitzt die potentielle Glucke nach der eigenen Eiablage stundenlang auf dem Nest. Zeitweise ist sie noch im Auslauf zu sehen, später verbringt sie den ganzen Tag im Stall auf den Eiern. Das untrüglichste Zeichen ist ein nackter Bauch, der für die Brut unabdingbar ist. Federn sind nicht nur für eine nette Optik, sondern in erster Linie zum Schutz vor Wärmeverlust und Verletzungen gewachsen.
Außerdem sitzt die Dame sehr tief auf dem Nest, man hat den Eindruck, dass sie sich duckt, um nicht gesehen zu werden. Beim Gemüt zeigt sich ein breites Spektrum; hier habe ich von aggressiv bis „mit mir kannst du alles machen, Hauptsache ich darf brüten”, so ziemlich jede Facette erlebt.
Nicht jedes Huhn möchte Mutti werden. Bei den Hybridhühnern, die ich in der ersten Ausgabe vom WALNUSSblatt beschrieben habe, wäre eine Brut einem Sechser im Lotto gleichzusetzen. Bei den Rassehühnern ist das Brutverhalten von Rasse zu Rasse verschieden, aber auch von Huhn zu Huhn.

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